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| von Thomas Junker |
Sollte es überhaupt so etwas wie eine Mid-Life-Crises geben, dann ist diese Tour das richtige Rezept zur Genesung. Ihr wird nachgesagt, sie heile nicht nur die Schmerzen, sondern verändere auch grundlegend alle Ursachen dafür. Manch einer, der die Tour absolviert hat, hatte keine vier Wochen danach neue Verhältnisse in seinem Leben geschaffen — in nahezu allen Bereichen…
Für viele Amerikaner ist es der Wunsch schlechthin. Ein Mal im Leben nach ganz oben in Nordamerika, dorthin, wo die USA am höchsten sind. Den Mount McKinley wollen sie unbedingt sehen, danach könne man sterben, sagen sie. Ist okay, aber die meisten fahren mit dem Wohnwagen. Und auch erst, wenn sie längst das Rentenalter erreicht haben, viele Träume verdörrt sind und halt nur noch der Berg der Berge aus amerikanischer Sicht bleibt. Doch richtig positiv fürs eigene Leben, gerade wenn Mann im Alter irgendwo zwischen 40 und 50 ist, also wenn noch genügend Weichen nicht völlig eingerostet sind, ist eine andere Route hoch im Norden.
Eine, die den feinen Alaska Highway in Whitehorse verlässt und tatsächlich gen Norden führt (Spötter sprechen auch von einer Anti-Mid-Life-Crises-Tour). Dawson City muss angepeilt werden, manch ein Saloon in Memorian der alten Haudegen der guten Klondike-Zeit durchtrunken werden. Nach der Ausnüchterung ein paar wenige Kilometer retour fahren, bis wiederum nach Norden der Dempster Highway abzweigt (kann wirklich nicht verfehlt werden, hier oben gibt es weit und breit keine weiteren Abzweigungen). Direkt an der Brücke empfiehlt sich eine wirklich nette Lodge zum Auftanken (Benzin, ganz wichtig, denn auf den nächsten 380 km gibt es gar nichts mehr) und Körper wieder in Balance bringen (beim Wirt nach einer Goldgräberausrüstung fragen und am Fluss hinter dem Haus über ein paar Goldkrümel freuen). Nach der Sättigung des Klondikefeelings in allen Richtungen und Schattierungen stehen die wohl schönsten 780 Kilometer Schotter der Welt auf dem Programm.
Völlig anders als Pisten in Tibet, in der Sahara oder sonst wo auf diesem Planeten. Ein fantastisches Konzert, gegeben von dem Ensemble der Taiga und Tundra. Und vor allem — keiner nervt. Richtig viel Zeit zum Abhängen und Nachdenken auf der KTM 950. Sicher, der Alaska Highway ist auch nicht gerade befahren wie die Hauptstraßen in München-Schwabing. Aber der Dempster Highway ist anders, einzigartig. Die Dinge des Lebens werden neu geordnet. Nach der Tour sind zur Depression zwingende Probleme gelöst. In der Firma sind die unlösbaren Hindernisse weg (weil man sich eh neu orientiert oder aber die Firma einfach verkauft). Und mit der eigenen Frau gibt es auch keine Streitigkeiten mehr.
Denn, was bitte schön, lohnt sich wirklich noch über die Ex nachzudenken? Höchstens halt, dass sie mal ganz Klasse war, jetzt aber eben ein fescher Hase wesentlich besser das Wohlbefinden herbei zu richten vermag. Es gibt auf dem Dempster Highway nur einen vernünftigen Ort auf dem Weg nach Inuvik: Eagel Plains. Genau auf der Hälfte gelegen. Keine große Geschichte, eine Kneipe mit angeschlossenem Motel, eine Tankstelle und ein Werkstatt. Schlafen sollte man hier — und den Barbereich genießen. Wer es auslässt, ist selber SCHULD! Ein richtig großes Fenster schaut gen Norden, will heißen, hier, kurz vor dem Polarkreis, sieht man die Sonne um Mitternacht für ein paar wenige Minuten verschwinden (reicht gerade für eine Pinkelpause). Aber dann ist sie wieder da! Ungeschminkt in voller Schönheit, wie man sie nur in Breiten der Mitternachtssonne sehen darf. Dazu legt der Barkeeper ein paar richtig gute Scheiben auf und der Whisky scheint nie auszugehen…
Okay; trotzdem erreicht man am nächsten Tag Inuvik, überquert vorher auf einer eigentümlichen Fähre den Mackensie River (?) und fragt sich, wer nur mag hier oben noch freiwillig leben? Antwort kann Walter the Roofer geben — wenn er denn noch lebt. Wenn nicht, fragt trotzdem nach ihm oder seinen Kindern in Inuvik. Der Mann kommt ursprünglich aus Deutschland, hat nördlich von Whitehorse wohl alle Dächer gedeckt (so will es die Legende) und war bei unserem letzten Treffen ein fantastischer Kerl. Auf jeden Fall hat er ein vernünftiges Hotel mit Kneipe in Inuvik errichtet. Und wenn er nun unter der Grasnarbe liegen oder in den ewigen Jagdgründen unterwegs sein sollte, dann trinkt in seinem Haus einen ordentlichen Drink auf ihn. Er hat Etlichen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder nach Auswegen aus Lebenskrisen mehr als nur eine Stunde seines Lebens geschenkt — mit Erfolg.
Von Inuvik aus lohnt ein Flug nach Tuktojaktuk. Dort leben Eskimos, hat die NATO einen riesigen Horchposten gen Russland. Aber vor allem kann man einiges über vernünftige Fliegerei lernen. Wenn der Pilot prima drauf ist (ist er eigentlich immer), dann geht der Flug keine 50 Meter über der Tundra entlang (fantastisch). Und wenn die Zeit drängt, oder er aber gerade kein Bock zum ordentlichen Start beim Rückflug hat, dann beweist er, dass man auch mit Rückenwind ohne Probleme so einen Vogel in die Höhe kriegen kann…
PS: Beim Retour unbedingt bei Urs Schildknecht am Muncho Lake einen Stopp einlegen. Er ist ein Buschpilot wie er im Buche steht. Gebietet über eine Region, die so groß ist wie Deutschland, in der es aber gerade mal eine Straße (Alaska Highway) gibt. Urs ist Herr über drei richtige Hütten tief im Busch (am Alaska Highway hat er zudem eine große Lodge mit allem Drum und Dran). In eine davon solltet ihr euch für 3 bis 4 Tage hinfliegen und nochmals die Seele von der canadischen Urwaldluft reinigen lassen. Hilft auf jeden Fall. Und von einer Mid-Life-Crises hat man nie etwas gehört…
Versprochen! Wer weitere Infos oder Hilfe bei der Organisation dieser Tour braucht, kann sich direkt an den Autor Thomas Junker unter travel@ktm.at wenden. |
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